HÖHER KOMMEN, TIEFER FALLEN

Durch mein Aussehen, meine breiten Schultern und ausladende Statur, sowie durch mein Handeln, das was ich nach aussen agiere, aber vor allen Dingen durch das, was ich nicht nach aussen agiere, vermittle ich ein vertrauenswürdiges Bild. Das Bild von jemandem, der Lasten tragen kann, sie verteilen kann, ein Lenker und Leiter, Führungsmensch. Das ist es, was ich sein will, das ich immer gespielt habe.
So wurde ich schon früh Klassensprecher. Oder Schulsprecher. Oder später der Sprecher sämtlicher Schüler im Landkreis. Und zog mir damit immer größere Lasten auf, die ich weder tragen, noch verteilen konnte.
Als Schülersprecher habe ich mich nie um die Klasse selber gekümmert, bin nie vermittelnd tätig geworden. Gut, das werden wohl neunundneunzig Prozent aller Schülersprecher nicht. Aber ich missbrauchte meine Funktion, in dem ich jede Ausfallstunde, die für Gremienarbeit abfallen konnte, bis ins letzte ausnutzte. Und wenn der Rat der Schülersprecher im Landkreis zusammentrifft kann das mit Vorbereitung schon einen ganzen Freitag dauern. Ein Freitag, an dem alle anderen Schule haben. In einer Projektwoche an der Schule, die eine Firma abbilden sollte, wurde ich einmal in der gehobenen Position des Finanzmanagements eingestellt. Nach einem Bewerbungsgespräch. Was nicht als Kinderkram abgewertet werden sollte, ich würde vielen anderen solch intensive Berufsvorbereitung wünschen. Jedenfalls war ich in dieser Stellung und kümmerte mich auch ein wenig um Marketing, wir entwarfen ein Plakat für einen Basar, der sich an das Fest anschließen sollte, und ich sollte die Plakate verteilen.
Ich konnte es nicht. Bin nicht von Geschäft zu Geschäft gegangen, um welche aufzuhängen, nicht zur Apotheke gegangen, die garantiert welche aufhängen würden, habe keins in den Bahnhof angebracht. Die Plakate liegen heute noch in einer Ecke mit altem Papierkram. Weil ich mich nicht traue, sie wegzuwerfen.
Ich wäre gern Redner und habe Angst vor vielen Menschen zu sprechen. Ich wäre gern Fachinformatiker und scheitere daran, meinem Betrieb eine vernünftige Homepage im Rahmen der festgesetzten Zeit einer Projektarbeit zu erstellen. Und ich hätte gern ab dem ersten September ein Praktikum und meine Finger, mein ganzer Körper mit allen Gehirnzellen weigerte sich in zwei Wochen Urlaub auch nur eine Bewerbung zu schreiben.
Ich kann auch auf die Schnauze fallen, ohne mich aufgerappelt zu haben. Kann Abitur von mir erwarten, obwohl nicht einmal die zehnte Klasse mit sonderlichem Erfolg abgeschlossen habe. Kann mir eine Ausbildung abverlangen, aber nicht den Weg, den es dort hin zu gehen gilt.
Ich wäre gern all das, was ich nicht kann. Und das schlimmste: Ich weiß nicht mehr, was ich wirklich kann. Wer ich wirklich bin. Und was unter diesen breiten Schultern abgeht.

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