NICHTS IST FÜR DIE EWIGKEIT

Ich habe keinen besten Freund, dafür viele gute Freunde! hätte ich vor Jahren aus innerster Überzeugung jedem der mich fragt erzählt. Es war nie so, das ich allein gewesen wäre, in der Grundschule war ich immer mit dem R. und dem M. unterwegs, beide wechselten jedoch auf eine andere Schule als ich. Eine typische Jungsfreundschaft, viel Streit, viel Spaß, komisches Zeugs. Später dann, in der Gesamtschule, war ich Aussenseiter und solidarisierte mich mit einem anderen, dem M., den ich noch aus der Grundschule kannte. Auch dieser wechselte auf ein Privatgymnasium, auf einmal rückte ich näher auf die kiffenden Nieten der Klasse zu. Eine feste Freundschaft, mit allen Eskapaden vom Sprayen bis zum exzessivem Drogenkonsum, die es in dieser Szene durchzumachen gilt, hielt nur etwas mehr als ein halbes Jahr. In dieser Zeit legte ich die Grundsteine für meinen weiteren Abstieg.
Danach war ich hauptsächlich mit den Mädchen der Klasse unterwegs. Mit der R., der S. und der J. verband mich eine relativ feste Freundschaft. Auf eines der Mädels stand ich, keine richtig gute Basis also. Bis zum Ende der zehnten Klasse trennten sich diese Pfade gefühlt kaum, unter realistischen Maßstäben jedoch wesentlich. Ich lebte in einer anderen Welt, war nur noch nicht bereit es zu bemerken.
Als ich die zehnte Klasse wiederholte, fand ich mich auf einer anderen Schule wieder. In einem anderen sozialeren Millieu, durchaus ein bis zwei Niveaustufen tiefer, bildeten sich maximal Zweckfreundschaften mit den Klassennerds. Nach der Schule kamen keine Treffen zustande. Bei den coolen in der Klasse musste ich mir erst Anerkennung verschaffen, war froh am Ende des Jahres überhaupt halbwegs respektiert zu werden. Im letzten Sommer verlies ich die Schule mit einem mittelmäßigen Zeugnis, keiner Abiturzulassung, und ging arbeiten.
Seit dem Ende der Grundschule bis zum Anfang meiner Arbeitszeit trennten mich innige Verbunde mit einem lokalen Jugendzentrum. Dort tobte ich mich in meiner Freizeit aus, dort hatte ich meine ausserschulischen und zumeist älteren Kontakte. Die Leute dort waren politisch breit gestreut, prägten mich in vielen Dingen und bieteten mir halt. Doch irgendwann wurde diese homogene Gruppe zu langweilig, Veränderungen gab es vermeindlich nur ins negative, alte Freunde wurden häuslich, trennten sich von der Einrichtung. So trennte auch ich mich, in vollem Bewusstsein der Folgen für mich.
Seit ungefähr einem halben Jahr treffe ich mich ausserhalb der Arbeit kaum mit Freunden oder Bekannten. Oft sitze ich allein vor dem PC, blogge, halte elektronische Kontakte, so gut es eben geht. Bei vielen meiner alten Freunde bin ich diskreditiert, andere treffen sich zwar mit mir noch, jedoch sind die Wege so verschieden das auch diese Treffen nur sporadisch und alle 2-4 Wochen zustande kommen. Weiterhin bleibt viel Kontakt mit vor allem jungen Menschen und den Kollegen auf der Arbeit und Gespräche mit den Eltern.
Um aus diesem Trott rauszukommen setze ich mich manchmal in die Bahn. Einfach fahren, an nichts denken, ein Eis und einen Latte Macchiato kaufen, allein im Café sitzen. Leuten gegenüber, die ich dabei treffe, reargiere ich oft sehr schüchtern. Bin zurückgezogen, kann mich auf typischen Smalltalk nicht einlassen, reargiere sensibel auf vermeindlich peinliche Gesprächspausen und weiß:
Das ist mein Leben, gegen die Ewigkeit.

[...] der Aussenseiter-Solidarisation am Anfang der Sekundarstufe eins mit dem M. ergaben sich völlig neue Möglichkeiten. Ich, gestandener Profi und zuviel Selbstbewusstsein, [...]
AUS DER BAHN GEWORFEN « Taschentücher schrieb dies am 17. Mai 2007 um 2:12